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1953

"Papa, was wolltest du eigentlich mal werden, als du noch klein warst?"
Diese Frage von meinem Sohn traf mich wie ein Schlag ins Gesicht. Ich war heute ein einfacher Maler und Lackierer, aber das war es gewiss nicht, was früher in meinen Plänen stand.
"Nun ja, mein Junge, ich wollte immer Lehrer werden", beantwortete ich ihm seine Frage.
"Komisch, dass du das nie erwähnt hast. Warum bist du es nie geworden? Das Studium hättest du doch garantiert geschafft, oder etwa nicht?"
Mein Sohn war sechzehn Jahre alt und er war ein intelligenter Junge. Trotzdem war es mir sehr unangenehm, mit ihm über meine Vergangenheit zu sprechen. Ich hatte mir so viel vergeigt und es tat mir in der Seele weh, daran erinnert zu werden. Irgendetwas sagte mir aber, dass es richtig sei, meinem Sohn zu verraten, warum ich heute nicht da war, wo ich gern gewesen wäre. So fing ich also an, ihm die Geschichte zu erzählen:
"Damals, als ich jung war, wollte ich unbedingt mal ein großer Mann werden. Ich war den ganzen Tag über nach der Schule zu Hause und habe gelernt, weil meine Eltern das so wollten. Ich hatte keine Freizeit und keine Freunde... Irgendwann kam dann aber der Tag in meinem Leben, an dem ich das Gefühl hatte, etwas zu verpassen. Es war mir einfach zu blöd, immer nur zu lernen. Ich wollte unbedingt Freunde finden und neue, coole Dinge ausprobieren. Ich wollte im Moment leben und nicht den ganzen Tag nur an die Zukunft denken..."
"Hast du denn dann Freunde gefunden?"
"Ja, ich habe neue Leute kennengelernt, mit denen ich dann oft draußen war. Sie waren nicht wirklich schlau, aber sie waren für jeden Mist zu haben und kamen auch aus einfachem Hause. Das war es, was ich brauchte, um mich selbst zu entdecken."
"Und wie alt warst du da?"
"Ich weiß es nicht mehr so genau. Aber ich muss in etwa so alt gewesen sein, wie du heute."
"Und was habt ihr da so gemacht?" Mein Sohn fragte das mit einem sehr desinteressierten und ironischen Unterton. Ich überlegte für einen kurzen Moment, ihm die Geschichten doch lieber nicht zu erzählen. Am Ende tat ich es aber trotzdem, weil ich das Gefühl hatte, ihm damit etwas Wichtiges mit auf den Weg zu geben. 
"Das wollte ich dir gerade erzählen. Wir waren quasi kleine Gangster. Meistens haben wir uns getroffen und einfach nur rumgehangen. Wir haben Bier getrunken und geraucht, aber das war nicht so, wie heute. Es war eigentlich normal, dass die Jugendlichen sowas gemacht haben. Heute wird das zum Glück ordentlich kontrolliert. Bei uns ist man damals viel einfacher an Sachen wie Zigaretten oder Alkohol gekommen. Es gab auch eine Menge Discos, in die man reinkam, wenn man noch nicht 18 war. Das wäre heute ja quasi undenkbar."
"Und was ist daran jetzt so schlimm? Das klingt doch wie ganz normaler Kram, den man damals eben gemacht hat."
"Es wurde langweilig. Irgendwann ging uns der Gesprächsstoff aus und wir wollten was machen. Ich erinnere mich noch sehr gut daran. Es war an einem Sonntag und wir waren eine Gruppe von ungefähr zehn Leuten, als plötzlich einer die Idee hatte, zu einem leerstehenden Haus zu gehen. Er meinte, dass es von dort aus möglich sei, auf die ganze Stadt zu schauen, wenn man auf das Dach kletterte. Also sind wir dorthin gegangen und aufs Dach gestiegen. Der Ausblick war echt genial; wir hatten auch eine richtig gute Sicht. Weil es so cool war, sind wir dort eine ganze Weile geblieben und einige von uns haben sich dazu entschieden, spät abends nochmal hinzugehen und eine Runde zu sprayen. Sowas hatte ich bisher nie probiert, also schloss ich mich dem Rest an."
"Echt? Du hast mal sowas gemacht? Das kann ich mir gar nicht vorstellen! Was habt ihr gesprayt?" Damit schien ich nun doch sein Interesse geweckt zu haben. Mein Sohn war sehr interessiert an Streetart. Immer, wenn irgendwo Graffitis zu sehen waren, schien er seinen Blick nicht davon abwenden zu können.
"1953, aber riesengroß. Das konnte man vom Hauptbahnhof aus noch lesen. Es war ein echtes Kunstwerk. Die Zahlen waren natürlich gelb mit einer dicken, schwarzen Umrandung, wie es sich gehört."
"Das ist doch aber richtig cool! Kannst du mir das mal zeigen?"
"Nein, mein Großer. Das Ding wurde entfernt. Irgendwer muss uns gesehen haben und diese Person hat die Bullen gerufen... Als wir das Gebäude schließlich verlassen haben, stand der Streifenwagen schon davor. Wir mussten unsere Ausweise vorzeigen und alles wurde festgehalten. Einer von uns hatte auch noch ein bisschen Gras einstecken und das hat man anscheinend sofort gerochen, denn die Bullen haben dann einen Drogentest gemacht und der fiel natürlich bei jedem von uns positiv aus. Das war richtig scheiße."
"War das da schon so wie heute? Da muss man doch nur Sozialstunden machen oder sowas. Oder gab es großen Ärger?"
"Na aber hallo... Einen Monat später wurde ich angeklagt und musste mich vor dem Gericht verteidigen - genau wie der Rest. Am Ende wurden wir verurteilt für Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung und den Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz. Zum Glück mussten wir trotzdem nur Sozialstunden ableisten, weil wir alle noch unter 18 waren."
"Das kann ja aber nicht alles sein. Als ob das jemanden interessiert. Du hättest ja Kunstlehrer werden können", grinste er. Auf einmal hatte er wieder diesen desinteressierten Unterton in der Stimme, der mir Sorge bereitete. Irgendwie bekam ich immer mehr das Gefühl, dass es doch nicht die richtige Entscheidung gewesen zu sein schien, meinem Sohn von meinen früheren Missetaten zu erzählen. Er nahm das Ganze zwar mit Humor, aber es kam mir so vor, als ob es ihn nicht wunderte. Es fühlte sich für mich an, als ob er schon viel schlimmere Dinge getan hatte, weil er alles so belächelte.
"Dummerweise gab es noch einen anderen Vorfall. Du kennst ja deinen Heimatverein nur zu gut. Wir waren bei einem Spiel im K-Block und es gab Probleme. Damals hat aber keiner gekniffen und es ist in einer ziemlichen Schlägerei ausgeartet, in der ich beteiligt war. Ich habe einem anderen einen ungünstigen Schlag ins Gesicht verpasst und dann hat dieser Kunde mir gedroht, mich anzuzeigen. Das war mir aber auch herzlich egal. Er hätte ja nicht in den K-Block kommen müssen. Dafür waren wir schließlich bekannt."
"Hat der dich dann nun angezeigt oder nicht?", fragte mein Sohn etwas ironisch.
"Ja, einen Monat später kam ich ganz normal aus der Schule nach Hause und meine Mutter stand schon mit einem Zettel in der Hand vor mir. Sie schien richtig wütend und verzweifelt zugleich. Da war mir schon klar, was passiert ist."
"Hast du gesessen?"
"Zum Glück nicht. Ich sollte Schmerzensgeld zahlen und damit hatte sich die Sache theoretisch geklärt. Leider stand das eben alles auch im Führungszeugnis."
"Und was hat das jetzt mit deinem Beruf zu tun?" Mein Sohn verleierte schon die Augen.
"Durch diese Leute habe ich die Schule damals sehr schleifen lassen. Ich hatte keinen Bock auf lernen. Ich wollte einfach mit denen abhängen und so. Dann bin ich nach der 10. vom Gymnasium runter, weil ich die Oberstufe nicht machen wollte. Das hat mich dann alles viel zu sehr angekotzt. Da hätte ich mich ja wirklich reinhauen müssen und das war mir echt zu doof. Ich wollte lieber Geld verdienen."
"Und warum hast du dein Abi nie nachgeholt? Ich meine, ein Fachabitur kann man ja auch mit 30 noch machen, wenn man sich finanzieren kann."
"Tja, erstens kann man mit einem Fachabitur nicht Lehrer werden und zweitens braucht man ein sauberes Führungszeugnis, um Lehrer zu werden. Der Traum hatte sich erledigt. Ich war halt zu 1953."
"Aber warum bist du ausgerechnet Maler und Lackierer geworden? Du hättest ja echt mehr schaffen können."
"Ich wusste nicht, was meine Talente sind, weil meine Eltern mich kaum gefördert haben. Sie wollten nur, dass ich lerne und gute Noten schreibe. Das Sprayen auf dem Dach hat mir aber richtig viel Spaß gemacht. Das war tatsächlich das Einzige, was ich von mir selbst wusste. So entschied ich mich, das zu lernen, nachdem ich mir meinen Traumberuf vergeigt hatte..."
"Aha, das ist ja wirklich interessant. Du hast es ganz schön verkackt", lachte mein Sohn.
Wir schwiegen kurz, aber ich wollte ihn aus meinen Fehlern lernen lassen, also ergänzte ich noch ein paar Worte:
"Dir stehen alle Türen offen und deine Mama und ich werden dich bei allem, was du tust, unterstützen. Bitte mache nicht denselben Fehler, den ich gemacht habe! Nutze deine Intelligenz und wirf sie nicht so weg. Probiere dich aus und finde deine Talente! Du kannst es zu Großem bringen. Ein Abitur öffnet dir heutzutage wirklich alle Türen, da kann ein Realschulabschluss einfach nicht mithalten. Du musst ja nicht studieren, aber mit einem guten Abi hast du einfach die besten Chancen bei allem. Ich ärgere mich heute so sehr, dass ich mich nicht noch zwei Jahre zusammengerissen habe, sondern einfach alles hingeschmissen habe. Und du hast recht: Ich hab's verkackt..."
"Sowas passiert mir sicher nicht. Die Oberstufe sind auch nur zwei Jahre und da hau ich mich rein. Und beim Kiffen lasse ich mich ganz bestimmt nicht erwischen... und bei anderen Dingen auch nicht", lachte mein Sohn und ging in sein Zimmer. Ich saß einfach nur da, wie bestellt und nicht abgeholt. Meine Botschaft schien ihn irgendwie nicht so ganz erreicht zu haben.
Auf einmal hörte ich Leute klatschen. Hilfe, war ich tief in meine Erinnerung verfallen. Die Schulleiterin hatte gerade die besten Abiturienten des Jahrgangs vorgelesen und mein Sohn gehörte zu ihnen. Er hat sein Versprechen gehalten. Ich bin so stolz auf ihn. Mir stiegen sogar ein paar Tränen in die Augen, als ich ihn mit seinem Abiturzeugnis auf der Bühne stehen sah. Es tut so gut, zu wissen, dass mein Sohn seine Intelligenz zu nutzen weiß und sie nicht weggeworfen hat - im Gegensatz zu mir.

Erinnerungen.

Hin und wieder erinnere ich mich an die früheren Zeiten, die leider viel zu weit zurückliegen. So ist es auch heute und ich denke an dich.
Ich erinnere mich so gern daran, wie nah wir uns vor diesen lang zurückliegenden fünfzehn Jahren standen, die mir scheinen, als wären sie gerade erst gestern gewesen.
Vor fünfzehn Jahren saßen wir gemeinsam im Sandkasten und haben Burgen gebaut, sind Kletterspinnen hoch geklettert und haben abends jeden Tag zusammen herumgealbert.
Wir waren bei glücklich mit dem, was wir hatten. Es war schön.
Mit der an uns vorbeiziehenden Zeit wurden wir beide älter und damit ernster. Wir lachten immer seltener und weniger miteinander.
Wir hatten beide unsere eigenen Dinge zu tun und verloren uns immer mehr.
Wenn wir uns sehen, reden wir vielleicht kurz über die wichtigsten Neuigkeiten und dann geht jeder wieder seiner Wege.
Du lachst kaum noch. Manchmal frage ich mich, ob du überhaupt glücklich bist. Du redest auch kaum noch. So kenne ich dich gar nicht.
Wir haben schöne Momente zusammen verbracht. Ich vermisse deine glückliche Ausstrahlung. Du schienst damals so voller Energie zu sein und heute ist davon gar nichts mehr übrig.
Gestern sah ich die Photos von deiner Hochzeit. Auf einigen Bildern waren wir beide zu sehen. Wir sahen aus, als wären wir unzertrennlich. Du sahst aus, wie ein kleiner König; als hättest du alles, was du dir immer gewünscht hast. Ich war auch glücklich. Ich mochte dich vom ersten Tag an und ich wusste, dass du die schönste, tollste und beste Frau der Welt geheiratet hattest. Da gab es keine Frage.
Heute sieht das alles nicht mehr so aus.
Es hat sich wirklich sehr viel verändert seitdem.
Du gehst deinen Weg und ich gehe meinen. Es scheint mir, als ob sie sich damals nur kurz gekreuzt hatten.
Trotz allem möchte ich dich wissen lassen, dass ich dich liebe. 
Ich hoffe nur, dich bald wieder mehr lächeln zu sehen.
Ich wünsche dir alles Glück der Welt.

Einfach nachdenken.

Es war einer dieser Tage, an denen ich bei strömendem Regen an meinem Schreibtisch saß und meinen Gedanken freien Lauf ließ.
Ich hatte in den letzten Monaten eine Menge gelernt und wusste, dass es Zeit war, meinen Kopf zu entleeren. In der letzten Zeit hatte ich eine riesengroße Last auf mich genommen, ohne es vorerst zu merken. Während meine Feder sich mit einem eleganten Schwung über das Papier schwebte, fiel mir auf, dass ich vor lauter Ballast im Schädel gar nicht mehr wusste, was ich denken sollte.
Ich hatte endlich etwas gefunden, woran ich mich festhalten konnte, obwohl ich nie danach gesucht hatte. Früher hielt ich mich an meinen Gedanken fest und verschwendete ganze Blöcke, aber heute sehe ich darin weniger Sinn, obwohl es mich immer glücklich gemacht hatte, zu schreiben. Mittlerweile brauche ich es nicht mehr, um meine Gedanken zu ordnen.
Trotzdem beschäftigte mich seit mehreren Tagen eine Frage, deren Antwort ich nur auf einem leeren Blatt Papier finden konnte. Es war die Frage, ob ich glücklich war. 
Ich überlegte stunden-, nein, wochenlang, bis mir einfiel, dass ich nicht wusste, wie sich dieser Zustand anfühlte. In meinem Leben war ich noch nie wirklich glücklich gewesen, oder zumindest stellte ich mir dieses Gefühl sehr anders vor, als das, was ich bisher gefühlt hatte.
Das Einzige, wo ich mich ein wenig gut fühlte, waren die Zeitpunkte, zu denen ich eine gute Menge Gras intus hatte. Dann fühlte ich mich immer so frei; fast unsterblich. Mit dem Ende meines Konsums verlor ich auch dieses Gefühl.
Alles, was ich hatte, war dieser eine Mensch. Mein großer Halt, mit dessen Verlust meine ganze Welt noch mehr zusammenbrechen würde. Sie besteht aus Ruinen und würde zerfallen in einen Haufen aus Schutt und Asche.
>>Die Ruinen, die ich hasse, sind die Ruinen in mir.<<

Eine etwas andere Geschichte...?

Da ich ja sehr aktiv auf der Plattform ask.fm bin, dachte ich mir, euch mal eine besonders komplexe Antwort auf eine sehr tolle Frage bzw. Aufgabe zu geben.
An dieser Stelle würde ich auch sehr gern ein wenig Werbung für einen tollen Blog machen: Menschenkind. Ich mag den Blog wirklich gern, auch, aber nicht nur, weil der Autor Maexwell meines Erachtens nach ein unglaublich sympathischer Mensch ist.
Warum ich ausgerechnet heute Werbung mache? Der Ursprung des heutigen Posts stammt aus seiner Feder.
Genug gelabert, los geht's:

"Ein weiterer Abend von vielen. Er stand dort, konnte sich nicht erwehren, in den Sonnenuntergang zu starren. Seine Augen schmerzten, gewöhnten sich jedoch daran, je tiefer sie sank. In seinen Gedanken setzte sich die Wärme der wechselnden Töne des Horizonts ab, dessen weite Ferne ein Gefühl von Melancholie und Fernweh in ihm auslöste. Er war nicht das erste Mal allein hier, aber das erste Mal seit langem. Er beobachtete den Wechsel zwischen Gelb, Orange, Rot, Lila und letztendlich dem Blau des Himmels der sich nähernden Nacht. Er kam zu diesem Ort zum ersten Sonnenstrahl und würde gehen, wenn der erste Stern am Himmel leuchtete. Langsam ging er auf die Knie, vergrub das Gesicht in seinen Händen und atmete tief durch. Jeder Muskel seines Körpers spannte sich an und entspannte sich bald darauf wieder, was ein Gefühl von Wärme durch seinen Körper jagte und ihm eine Gänsehaut bereitete. Erinnerungen zogen vorbei wie die Wolken vorher, nun war sein Kopf frei davon wie auch der Himmel über ihm. Er öffnete die Augen und sah die Welt nun zum ersten Mal. In ihrer wahren Farbe. Kühle Einsamkeit legte sich über sein Gemüt beim Aufblinken des ersten Sterns. Er flüsterte ein "Dankeschön" in Richtung des Horizonts. Dann stand er auf, richtete seine Jacke und drehte dem sich langsam anbahnenden Feuerwerk an Sternenlicht den Rücken zu, den Blick zu Boden gerichtet, gezeichnet von einem schmalen Lächeln. Vor ihm lag derselbe Weg wie immer, doch dieses Mal würde er die Schritte nicht zählen. Denn er war nicht das erste Mal allein hier, aber das erste Mal einsam. Und so war es gut."

Die Fragen, die Maexwell mir dazu stellte, waren folgende:
Welche Situation wird hier beschrieben? Was könnte das bedeuten? Was ist vorher passiert und was hat vielleicht dazu geführt? Kennt ihr eine solche Situation oder ein solches Gefühl? Was hat "der erste Stern" mit alledem zu tun? Wohin geht er und kommt er von dort? Wenn ja, was ist passiert? Zu welcher Jahreszeit spielt diese kurze Geschichte und in welcher Umgebung findet sie statt? Verändert die Jahreszeit euer Gemüt? Wenn ja, wie?

Zusätzlich war es die Aufgabe, eine Fortsetzung oder ein Ende der Geschichte zu schreiben.

Na dann wollen wir mal...
Ich werde nun einfach genau das beschreiben, was ich während des ersten Lesens vor meinem inneren Auge sah. Ich könnte weitaus mehr hier hinein interpretieren, aber ich finde den ersten Eindruck immer viel spannender, als dieses ganze Hinterfragen und Analysieren. Ich habe mehrere Personen gefragt, wie sie die Fragen beantworten würden und war total erstaunt darüber, dass sich deren Vorstellung so sehr von der meinigen unterschied.
Es wird eine Situation beschrieben, in der ein Mensch, einen anderen Menschen, der ihm sehr nahe stand, verloren hat. Zu Beginn habe ich noch überlegt, ob es sich um eine Beziehung oder den Tod handelt, doch je weiter ich las, desto mehr dachte ich an den Tod. Für mich bedeutet das einfach, dass man den Lauf der Dinge hinnehmen sollte und auch in tragischen Situationen nach vorn blicken können sollte. Nach meinem ersten Eindruck ist der Mensch, bei dem sich die Hauptperson bedankt, verstorben und sie hatten diesen Ort oft gemeinsam besucht. Was dazu geführt hat, kann ich nicht wirklich beantworten, da Vieles zum Tod führen kann. Ein solches Gefühl, wie die Person in meiner Vorstellung hat, kenne ich nicht; darüber bin ich aber auch nicht traurig. Der erste Stern, von dem gesprochen wird, steht für mich als ein Symbol. Ich denke, dass es sich dabei um das Licht am Ende des Tunnels handelt, was die Person einfach noch nicht sehen will. Andererseits könnte es sich aber auch darum handeln, dass die Hauptrolle die verstorbene Person in dem Stern sieht. An dieser Stelle konnte und kann ich mich nicht entscheiden. Die Farben der Geschichte sind warm beschrieben, so ist für mich klar, dass sie im Sommer spielen muss. Das ist die einzige Stelle, an der ich zusätzlich zu meinem Empfinden auf Logik setze. Ich sah von Anfang an einen Menschen, der am Strand steht und die Sonne am Horizont des Meeres versinken sieht. Er geht dann durch einen Kiefernwald in sein Haus, jedoch kam er von einer Seebrücke.
Ich sagte, dass ich andere danach fragte. Eine Person sagte, dass es sehr nach "Interview mit einem Vampir" klang und sie eine Lichtung im Altweibersommer vor Augen hatte. Eine andere Person sah ebenfalls eine Lichtung vor ihren Augen. Ich finde es so krass, dass Menschen den gleichen Text aufgrund ihrer Erfahrungen so völlig unterschiedlich interpretieren können und sich eine ganz eigene Geschichte vor Augen abspielen, die bei jedem anders aussieht, obwohl doch alle den gleichen Text lesen.
Die Jahreszeit verändert mein Gemüt doch sehr. Ich habe es allerdings erst vor nicht allzu langer Zeit wirklich realisiert. Sobald die Tage im Frühling etwas länger werden, die Sonne mehr Kraft hat, die Welt wieder bunter wird und die Luft nach dieser greifbar nahen Freiheit riecht, werde ich ein wenig lebensbejahender. Ich mache Pläne, denke an die Zukunft. Ich bin glücklich und von Freude erfüllt. Ich bin unternehmungslustiger und schlafe viel weniger. Im Sommer bin ich sehr entspannt, jedoch auch oft angestrengt. Die extreme Wärme macht mir immer sehr zu schaffen. Ich mag das eigentlich gar nicht. Dann hätte ich am liebsten einen eiskalten Tag mit ganz viel Regen oder Schnee. Wenn dann endlich der Herbst kommt und sich diese melancholische, aber doch so liebliche Grau auf die Schatten der Stadt legt, bin ich auch für eine kurze Zeit vom Glück erfüllt, denn die Melancholie ist mein Zuhause. Ich liebe sie so sehr. Ich freue mich in diesem Moment darauf, dass es wieder früher dunkel wird und dass endlich die Jahreszeit des kalten, trüben und vor allem regnerischen Wetters beginnt. Je grauer und kälter die Tage dann aber werden, desto mehr holt mich diese Stimmung ein. Ich schlafe mehr, will kaum raus. Ich bin froh, wenn ich meine Ruhe habe und mich alle allein lassen. Ich will, dass es wieder warm wird, will wieder, dass diese kleine Prise Freiheit durch meine Haare weht und ich mich unbeschwert fühlen. Wenn dann der Winter kommt und die Stadt quasi über Nacht weiß wird, bin ich immer anders drauf. Wenn ich früh morgens aufstehen und aus dem Haus muss, bekomme ich von dem Schnee schlechte Laune; am Wochenende freue ich mich vielleicht sogar ein klein wenig. Je länger der Winter dauert, desto mehr fiebere ich auf Frühling und Sommer zu. Dann kommt irgendwann der Frühling und das Ganze fängt von vorn an.

Bevor ihr jetzt mein Ende lest, muss ich euch sagen, dass es gar nicht zu meiner Interpretation passt, weil ich diese beiden Dinge nicht am gleichen Tag verfasst habe. Ich habe gerade angefangen, das Ende zu schreiben und musste feststellen, dass das nicht das Ende ist, das ich haben will. Je mehr ich schrieb, desto mehr wurde mir klar, dass meine Interpretation nicht falsch, sondern für mich einfach nicht umzusetzen ist. Doch, sie wäre natürlich umzusetzen, aber gerade eben hatte ich ein völlig anderes Bild vor Augen, obwohl ich genau dort anfing, wo ich beim ersten Lesen der Geschichte aufgehört hatte. Faszinierend, nicht wahr? Ich fing an, über den jungen Mann, der am Strand steht, zu schreiben und am Ende kam etwas völlig anderes dabei raus.

Er ging. Es war zu spät. Sein Weg führte durch genau die Straße, die er sein ganzes Leben lang kannte; er war sie an der Seite so vieler entlang gelaufen. Er versank in seinen Erinnerungen. Wie oft hatten sie früher zusammen dort gesessen und über das Leben geredet? Wie lange hatten sie sich gekannt und wie sehr hatte er diese Zeit vermisst? Hätte er gewusst, dass sie vor zwanzig Jahren, kurz vor seinem Umzug, zum letzten Mal zusammen hier gesessen hatten, wäre er sicher noch oft hierher gekommen. So spielt das Leben. Er hatte nie Zeit gehabt, um seinen alten Freund zu besuchen. Sie kannten sich seit dem Kindergarten, waren zusammen groß geworden. Die erste Fete, der erste Kater, der erste Sprung vom Zehner; sie hatten alles zusammen erlebt. Sie waren wirklich gute Freunde gewesen. Als er sich entschied, die Stadt zu verlassen, wusste er, was er hinter sich lassen würde. Freunde, Familie und ein ganzes Leben. Er war alt genug, um einen Neustart zu wagen. Er hatte noch so ein langes Leben vor sich und wusste, dass er später hier her zurückkehren würde. Er hatte aber nie Zeit gehabt, die guten alten Freunde zu besuchen. Er musste sich um seine Familie kümmern und arbeiten. Er war noch nicht alt und hätte später noch genug Zeit gehabt, die alten Freunde zu sehen. Vor ein paar Tagen erhielt er dann den Anruf. Sein bester Freund, den er immer so sehr geschätzt hatte, sollte gestorben sein? Er konnte es gar nicht glauben. Er wollte es nicht glauben. Er hatte nicht einmal die Möglichkeit, sich bei ihm zu verabschieden und ihm für die vielen schönen Jahre, die sie zusammen verbracht hatten, zu danken. Als er so die Straße entlang lief, fing er an, zu realisieren, wie sehr sich alles verändert hatte. Da hinten am Ende der Straße war ihr Platz gewesen, dort hatten sie so oft gesessen. Sie hatten so viel zusammen erlebt, hatten den Himmel, aber auch die Hölle gesehen. Er lief die Straße weiter entlang und sah ihre Schule. Dort hatten sie zusammen die Lehrer zur Weißglut getrieben. Als er ihr näher kam, sah er eingeschlagene Fensterscheiben, der Schulhof war wie leer gefegt und die Turnhalle stand nicht mehr. Erst jetzt entschied er sich, zu seinem Haus zu gehen. Wie viele Jahre hatte er dort gelebt? Zu viele. Es tat ihm weh, dort hin zu gehen, denn er wusste, dass dort kein Haus stehen würde. Er wusste, dass diese Häuser inzwischen nur noch auf Satellitenbildern existierten. Da war er nun. Einsam und allein in einer Gegend, die vor nicht allzu langer Zeit noch eine lebhafte Siedlung war. Und heute? Eine Geisterstadt. Nur die Schule erinnerte noch an die alte Zeit. In diesem Moment wurde es ihm klar. Er glaubte, er habe Zeit, aber Zeit hat nur die Ewigkeit. Er machte sich keine Vorwürfe dafür, dass er nie zurück gekommen war, viel mehr fragte er sich, was er alles hinter sich gelassen hatte. Damals, als er gerade ins Leben steigen wollte, wusste er, dass er seinen Lebensabend in genau dieser Stadt verbringen würde und das an der Seite der Menschen, mit denen er diese Stadt kennenlernen durfte. Er war sich so sicher, dass er mit seinem besten Freund wieder am Ende der Straße sitzen und reden würde. Über das, was sie gemacht haben und über das, was sie früher wollten. Er wusste, dass er diese hässlichen Platten noch so oft sehen würde und er wusste, dass sich in den vielen Jahren nichts ändern würde. Und nun stand er hier und nichts war mehr so, wie es früher war.

Ist es das, was du wolltest?

Ich lag in meinem Bett und versuchte, zu schlafen, aber ich konnte nicht. Es war einer dieser Tage, an denen mich die Realität so eiskalt einholte. Ich starrte an die Decke und dann kamen sie. Sie waren einfach da und ließen mich nicht mehr los. Diese verdammten Gedanken. Ich sah alles, was in meinem Leben schief gelaufen war, vor meinen Augen und wünschte mir, einfach die Zeit zurück stellen zu können. Ich wünschte mir, noch einmal ein Baby zu sein. Noch einmal die Nähe zu meinen Eltern zu spüren, die ich schon lange nicht mehr kannte. Noch einmal ihren liebevollen Blick zu sehen, noch einmal das Kind zu sein, das sie liebten. Mein Blick fiel auf ein Photo an der Wand. Ich bei meinem 15. Geburtstag, stolz mit der Bierflasche in der Hand. Ich sah meinen Geburtstag wieder vor meinen Augen. Es war schön. Da war gerade alles schön. Schon einen Tag danach ging alles in die Brüche. Freundschaften zerbrachen, ich verlor mich selbst und fand mich nie so ganz wieder. Ich tat Dinge, die ich nie tun wollte; Dinge, für die ich mich selbst verfluchte, aber ich konnte es nicht lassen. Ich musste es tun. Mein Blick ging weiter, auf ein Babybild. 'Damals war noch alles unbeschwert', dachte ich. Wie gern hätte ich noch einmal diese unbeschwerte, schöne Weltansicht, die ein Kind hat. Was würde ich nicht dafür tun, noch einmal zwei Jahre alt zu sein und jeden Moment, den meine Eltern mit mir verbracht haben, zu genießen, denn das wird nie wieder so sein. Ich bin nicht das, was sie sich von mir gewünscht haben. Sie verabscheuen das, was ich bin. Mein letzter Blick fällt auf die Zigarette an meinem Poster. 'Ist es das, was du wolltest?', frage ich mich selbst. Warum tust du das? Du hasst es, aber du tust es. Du schreist so laut. Du schreibst Hilfe mit deinem Blut und schreist so laut, dass du es selbst nicht ertragen kannst, aber niemand hört dich. Das war es nicht, was du wolltest.

Eistraum

Als ich an jenem Morgen die Finhütte verließ, lag eisige Kälte in der Luft. Das Atmen schmerzte in der Lunge, aber es war ein schöner Schmerz.
In der Luft lag tiefer Nebel; ich konnte kaum den kleinen Baum vor unserem Haus erkennen. Ich ging die feuchten Holzstufen herab und betrat das Gras. Es war nass von dem vielen Tau und meine Füße wurden schnell taub von der Kälte, weil ich keine Schuhe angezogen hatte. Es roch ein wenig nach Winter.
Ich ging wieder in das Haus herein und zog mir eine lange Hose, Schuhe und eine Jacke an. Ich wollte zur großen Seebrücke gehen. Mein Weg führte durch einen Kiefernwaldstreifen, bevor ich die ersten Dünen sehen konnte. Ich roch den Duft der Kiefern und lauschte dem beruhigenden Rauschen des Meeres.
Dann lief ich etwas Hangähnliches herauf und konnte endlich das Meer sehen. Die grauen Wolken lagen so tief, dass ich glaubte, sie greifen zu können. Der Wind trug mir einen eisigen Nieselregen entgegen und die kleinen Tropfen schlugen wie Nägel auf meine Haut ein.
Ich ging eine Düne herunter und zum Strand und zog meine Schuhe aus. Der Sand war sehr warm und meine Füße sanken sofort hinein. Zaghaft lief ich ans Meer. Das Wasser schlug riesige Wellen und der weiße Schaum sah wie weiche Watte aus.
Ich ging am Ufer entlang zum Aufgang der Brücke. Meine Füße wurden wieder kalt, also zog ich meine Schuhe an, als ich nicht mehr im Sand laufen musste. Ich lief die Treppe zur Brücke herauf und betrat dann langsam die Brücke. Es war weit und breit keine Menschenseele zu sehen und ich genoss diese Art der Stille. Alles, was ich hören konnte, waren das Rauschen des Meeres, das Heulen des Windes und ab und an das Kreischen einer Möwe.
Ich setzte langsam einen Fuß vor den anderen und lief bis zum Ende der Brücke. Dort blieb ich stehen und sah nach vorn.
Der Himmel strahlte nun in goldenen Tönen und die Sonne erhob sich am Horizont. Im Nachbarort legte ein Schiff an und ich konnte hören, wie es hupte.
Das Wasser peitschte an den Brückenpfeiler und die Luft roch salzig. Der wind schlug mir ins Gesicht.

Ich atmete tief ein und die Kälte durchfuhr meinen Körper. Meine Lunge brannte, aber ich genoss es.

Endloser Blick.

Unsere Blicke trafen sich. Ihr Blick war kalt und leer. Sie hielt den Blickkontakt, ohne zu blinzeln und ich versuchte, ihrem Blick nicht auszuweichen.
Unsere Blicke hielten sich fest und ich konzentrierte mich auf nichts anderes. Tausende Gedanken schossen mir durch den Kopf und ich wagte mich nicht, etwas zu sagen.
Alles erschien total unreal. Wir saßen einfach nur da und starrten uns an, als ob es nichts anderes in der Umgebung gäbe, worauf man seinen Blick hätte richten können.
Plötzlich veränderte sich der Ausdruck in ihren Augen, fast, als hätte sie sich erschrocken. Ihre Augen waren angsterfüllt und sie schien über irgendetwas nachzudenken. Ich hätte gern gewusst, über was.
Ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Es fühlte sich an, als ob sich unsere Blicke schon seit Ewigkeiten nicht voneinander lösen konnten. Ich wollte auf die Uhr schauen, aber das hätte diesen wunderschönen Moment zerstört. Vielleicht war es richtig, die Zeit zu vergessen und für einen Moment im Augenblick zu verweilen.
Sie war immer noch am Nachdenken. Ich wusste nach wie vor nicht, worüber, aber ich sah ihr an, dass es sie sehr beschäftigte.
Die Umgebung wirkte leer und still. Für einen kurzen Moment musste ich sogar überlegen, wo wir uns gerade befanden, doch ich konnte diesen Ort nicht wiedererkennen. Ich hielt mich an ihrem Blick fest und sie tat es genauso mit meinem.
Plötzlich ertönte ein lautes Scherbeln und unsere Blicke flogen gleichzeitig zu der Unruhequelle. Jemand hatte einen Teller fallen lassen und alle starrten diese Person an. Ich nahm wieder das Gemurmel der anderen wahr.
Wir waren nun wieder so weit voneinander entfernt. Sie saß am anderen Ende des Raumes und unterhielt sich mit ihren Freundinnen. Sie schien aber immer noch bedrückt.
„Also was ist jetzt?“, fragte ein Freund.
„Ja, ich komme“, gab ich zurück und wir verließen den Speiseraum.

Zu weit oben, um zu denken.


Es fing alles so normal an. Es war ein ziemlich kalter Morgen im September, als James früh zur Schule ging. Wie immer trug er eine schwarze Hose, seine schwarz-grünen Sneakers und seine karierte Jacke. Wie an jedem anderen Morgen musste er auch heute einige Stationen mit der Bahn fahren. Anstatt sich mit seinen Klassenkameraden, die bereits vor ihm eingestiegen waren, zu unterhalten, saß er allein am Fenster und hörte Musik. Obwohl alles so war, wie immer, war heute irgendetwas anders. Er sah heute sehr müde aus und schien schon die ganze Zeit angestrengt über etwas nachzudenken. Auch, als er aus der Bahn ausstieg, wirkte er sehr in seine Gedanken verloren.
In der Mittagspause verließ er, wie sonst auch, die Schule und ging scheinbar zu einer Bank, auf der er sonst auch immer saß, aber er kam bereits nach wenigen Minuten zurück. Sonst saß er dort immer die ganze Pause über, weil er dort allein war und seine Ruhe hatte. Irgendwann musste ihm jemand gefolgt sein, denn sonst hätte das niemand gewusst.
Er steuerte auf das Hochhaus direkt vor unserer Schule zu und ging hinein. Nach wenigen Minuten stand er auf dem Balkon ganz oben. Dieser war für jeden erreichbar, der im Haus war. Er ging bis nach vorn an die Brüstung und lehnte sich erschreckend weit darüber. So blieb er auch eine ganze Weile stehen. Es schien, als ob er irgendetwas analysierte. Dann nahm er irgendetwas aus seiner Jackentasche. Als er sich wieder nach unten lehnte, verstand ich plötzlich, was er vorhatte.
Ich war so schockiert, dass ich nicht wusste, was ich tun sollte. Ich saß gerade mit ein paar Klassenkameraden auf einer Treppe vor der Schule und konnte ihnen natürlich nichts von meiner Vermutung erzählen, also sprang ich auf und sagte, dass ich schnell etwas erledigen musste. Bevor sie weitere Fragen stellen konnten, war ich bereits auf dem Weg. Ich rannte zu dem Hochhaus und zu seinem Glück war die Tür offen. Der Fahrstuhl war im Erdgeschoss und ich fuhr bis in die vorletzte Etage, um durch das separat liegende Treppenhaus nach oben zu gehen, da er mich sonst gesehen hätte. Ich hatte keine Ahnung, wie ich mich verhalten sollte, als ich sah, dass er immer noch dort stand und die ganze Zeit nach unten schaute. Vielleicht wollte er wirklich nur die Aussicht betrachten. Doch plötzlich sah er sich um, um sich zu vergewissern, dass ihn niemand sah. Ich stand so, dass er mich nicht sehen konnte. Als er sich unbeobachtet fühlte, setzte er sich auf die Brüstung von dem Balkon mit dem Blick zur Straße und schien immer noch etwas in der Hand zu haben.
Das war ein fürchterliches Gefühl. Ich wusste, dass ihn niemand davon abhalten würde, wenn ich es nicht tat, allerdings kostete es mich auch einiges an Feingefühl, ihn nicht zu erschrecken. Ich hatte jetzt keine Zeit, um nachzudenken und rannte nach oben. Ich öffnete so leise wie möglich die Tür und er schien mich tatsächlich nicht gehört zu haben. Ich sah, dass er anscheinend Musik hörte und irgendetwas machte, aber ich erkannte nicht, was es war. Ich ging einen Schritt nach vorn und sah, dass es eine Spritze war und in diesem Moment wurde mir klar, dass er vorhatte, sich das Leben zu nehmen. Ich stand fast direkt hinter ihm und umarmte ihn, damit er sich nicht nach vorn werfen konnte. Ich schaffte es, die Kopfhörer aus seinem Handy herauszulösen.
„Spring nicht“, sagte ich leise in sein Ohr und zog ihn von der Brüstung auf den Balkon.

Mitternachtssex.

Es hatte etwas Ironisches, als ich  ausgerechnet Julius auf meinem Heimweg traf. Es ist sowieso eine Wunder, dass ich mich überhaupt noch daran erinnern kann, wenn ich mir überlege, wie dicht ich gewesen war. Ich kam gerade von einer Feier, weil ich keinen Bock mehr hatte, dort zu bleiben. Die Leute dort waren absolut ätzend und der Alk war alle. Also entschied ich mich, nach Hause zu gehen. Ich ließ mich auch nicht nach Hause schaffen, da ich nur ein paar Haltestellen zu fahren hatte und es von der Haltestelle, an der ich ankam, kein weiter Weg nach Hause war. Wenn ich gewusst hätte, dass mir so ein Spinner über den Weg laufen würde, wäre ich wahrscheinlich einen anderen Weg gegangen. Nun ja, ich war nicht wirklich zurechnungsfähig, weswegen ich in diesem Moment wohl nicht mehr wahrgenommen hatte, dass die Person, der ich gerade quasi in die Arme rannte, mein Ex war. Ich hatte mich wohl irgendwie in der Richtung getäuscht, da ich mich daran erinnern kann, dass wir irgendwo an einer Bank nahe der Autobahn aufeinander trafen. Logischerweise war Julius nicht darauf aus, mich heil nach Hause zu schaffen, sondern eher darauf, mich möglichst noch betrunken irgendwo hinzukriegen, wo uns um diese Zeit niemand finden konnte. Zu meinem Glück erinnerte ich mich an fast nichts, obwohl ich mir gut vorstellen kann, was wir wo gemacht haben. Schließlich war ich lange genug mit diesem Idioten zusammen, um zu wissen, dass er mich in irgendein Bad geschleppt hat und nicht nur mit mir duschen war.
Leider musste ich feststellen, dass ich genau dort wieder aufgewacht bin, wo ich ursprünglich nicht mehr sein wollte: Bei einer Fatsche, die total für den Arsch war. Ich konnte nur hoffen, dass keine Photos von dieser Nacht oder irgendetwas dergleichen existierte, denn das wäre vermutlich das Ende meines Images gewesen.

Ein bisschen Gesellschaftskritik?

Man spricht von Gesellschaft
und fragt nicht, wer die Narben dieser Jugend näht.
Whiskey gilt als Ersatz von Apfelsaft;
zum Verzeihen zu früh, zum Vergessen zu spät.
Ungerechtigkeit hat unsere Jugend zum Denken gebracht.
In düsteren Gassen leuchten Tag für Tag nur traurige Augen, die meinen, dass ein Leben unter Pflichten keinen Sinn mehr macht.
Es war die Angst, die ihre Sprache sprach.
Der Hass schnürte ihnen ab die Kehle,
doch keiner versuchte, ihre Hilferufe zu verstehen
und so floss die Kraft aus jeder Seele.
Kein Politiker wollte sich seine Fehler eingestehen,
Einsicht und Verständnis zeigt man nicht.
Das Resultat eigener Arbeit bleibt auf der Strecke
und seine Opfer sieht man aus der falschen Sicht.
Habt die Werte Deutschlands verkümmern lassen
und meint, die Jugend würde nicht ins System passen.
Einfach mal die Fresse halten, ihr Säcke.
Ihr schaut doch weg,
sobald wir reden
und würdet uns schon aus Prinzip nie Recht geben.
Verdammte Scheiße, wir sind Deutschlands Zukunft!
Ich sag euch, kommt lieber bald zur Vernunft,
sonst kriegt ihr irgendwann einen großen Schreck.

Eine Geschichte

Ein Mädchen, das man in der Schule Schlampe nannte,
führte heimlich ein Leben, was kaum einer kannte.
Dies war der Grund, wieso sie sich schwarz kleiden musste,
weil sie den Schmerz nicht anderes zu tarnen wusste.
Sie war eine, die nie dazugehörte
und somit deinen auftritt störte.
Sie fiel bedeutend mehr auf, als du,
denn du gehörtest vom ersten Tag an zur Masse dazu.
Und da sie nicht in deine Pläne passte,
als die Schlampe, die die Masse hasste.
So fingst du an, die fertig zu machen,
damit sie über deine Späße lachen.
Doch sie ignorierte dich
und verpasste deinem Ego einen fetten Stich.
Promt fingst du an, ihren Namen durch den Dreck zu ziehen
und wieder tat sie nichts ... außer abends in ihre eigene Welt zu fliehen:
Wie jeden Abend griff sie zu R. Blade, der Klinge,
denn dieser Schmerz war eines der schönen Dinge.
Diese wenigen Glückssträhnen
ließen sie nachts einschlafen - unter Tränen.
Die Narben hat sie gut versteckt,
doch nach langem Beobachten hast du eine entdeckt.
Dann hast du nicht mehr lang gewartet
und den nächsten Diss gestartet.
Vor allem hast du ihren Arm entblößt,
doch sie war seelisch viel zu aufgelöst.
Kein Laut drang aus ihrer Kehle
und in ihr starb eine traurige Seele.
Ohne dich auch nur anzusehen,
ging sie weg und ließ dich stehen.
Du sahst dich um und niemand lachte;
es war ein Witz, der dir nichts brachte.
Am Freitag vor den Ferien hast du dann beschlossen, feiern zu gehen
und du sahst sie mit ihren Freunden vor der Disco stehen.
Mit dem Joint in der Hand stand sie da und war am Lachen,
die Stimmung war gut, sie ließen es krachen.
Und um sie völlig zu zerstören,
die Queen der aufmerksamkeitssüchtigen Gören,
machtest du von ihr ein Bild,
welches als ihr Untergang gilt.
Und du warst dir sicher, sie würde dich nicht sehen,
denn du schienst ihr am Arsch vorbei zu gehen.
Dann machtest du dich schnell nach Haus
in der Hoffnung, für dich spränge der erhoffte Erfolg raus.
Am Montag nach den Ferien gingst du voll Vorfreude zur Schule,
denn du wusstest, bald bist du das einzig Coole.
Doch als du dann kamst ins Klassenzimmer,
war alles anders, als sonst immer.
Keiner wollte dich begrüßen
und kein Lächeln sollte dir den Tag versüßen.
Erst jetzt sahst du beim Lehrer ihre Eltern stehen
und versuchtest, alles zu verstehen.
Sie sprachen etwas von Krankenhaus und vor kurzer Zeit
und dass es noch nicht war so weit.
Und als ein Kumpel meinte "Frag!",
traf es dich wie einen Schlag.
Ihre Arme waren nicht für die Aufmerksamkeit blutrot,
denn sie war seit dem letzten Schultag tot.
Sie hinterließ nur einen Brief,
in dem sie schrieb,
dass es ihr leid tat und man war ihres Verstandes Dieb
und nun saß bei allen der Schmerz gar tief.

Diese Ballade schrieb ich vor sehr langer Zeit, aber da sie so gut zu meinem letzten Post passt, entschloss ich mich spontan, sie zu veröffentlichen.

Vergänglichkeit

Nachts, wenn kleine Kinder schlafen
und sich nicht aus dem Bettchen wagen,
schleicht er sich durch die kleinen Gassen,
um seine Chance nicht zu verpassen.

Haus eins, Haus zwei, Haus drei
und die Stunden zieh'n vorbei.
Niemand hat ihn je gesehen,
man ahnte nur, was nachts geschehen.

Als seine Opfer sich gefunden,
war er nach kurzer Zeit wieder verschwunden.
Man fand ihn auf dem Friedhof wieder,
als er sich ließ neben einem kleinen Jungen nieder.

Der Kleine konnte ihn nicht sehen,
doch er hörte leise Schritte gehen...
bis er sich ihm plötzlich zeigte
und ihm ein Trauerliedchen geigte.

Als der Kleine ängstlich schien,
nahm er sich Zeit für ihn.
"Wer bist du?", fragte er voller Angst.
"Ich bin der, wegen dem du um dein Leben bangst."

Der Kleine schien ihn zu verstehen
und plötzlich konnte er ihn nicht mehr sehen.
Mit Umhang und Sense stand er noch immer da
und der kleine fühlte sich ihm nah.

Als er selbst endlich verstand,
war es der Kleine, der ihn wie am Boden festband.
"Nimm mich mit in deine Welt",
meint er, als ein Blatt vom Baume fällt.

'Diese Nacht kein Opfer mehr'
und so schüttelte mit dem Kopfe er.
Er durfte keineswegs falsch handeln,
denn sonst konnte er nicht mehr auf der Erde wandeln.

"Ich dachte immer, du wärst ein Held;
nimmst dem Menschen, was ihm nicht gefällt..."
Seine Stimme ging in einem Schluchzen unter
und Tränen liefen an seinem Gesicht herunter.

Er überlegte nicht, was er besser fragte,
sondern sah, dass der Kleine meinte, was er sagte.
Er will nicht leben
und niemand würde dem jemals einen Sinn geben.

"Nun gut, dann komm mit mir,
ich merke, dass du nicht wirst geliebt hier.
Aber keiner wird dich finden,
du wirst von dieser Welt verschwinden."

Und plötzlich wusste der Kleine, das war, was er wollte.
Es war das, was sein sollte.
Seine Zeit lief ab, als er nach oben blickte
und dann endlich glücklich nickte.

In seinen Armen das glückliche Kind
verschwand er nun von dieser eisigen Welt.
Was geschehen war, konnte niemand verstehen
und den Jungen hat man seit dem niemals wieder gesehen.



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